Rundbrief 2000/2001


"Unsere Träume sind
das Projekt Gottes mit unserer Welt".


P. Marcelo OSB, brasilianischer Befreiungstheologe
 



Santiago de Chile im Advent 2000

Unsere lieben Freunde:

Über die schneegekrönte Kordilliere der Anden hinweg eine riesige Portion Sonne aus dem sommerlichen Chile! Jesus, die "Aufgehende Sonne" erfülle Eure Herzen mit Sonne viel Freude und tiefem Frieden in dieser Weihnacht und im Neuen Jahr!

Vor 3 Monaten erhielt ich die Nachricht vom Heimgang meines geliebten großen Bruders Pfarrer Karl Kupfer und fühlte mich - trotz der Entfernung - wie im Traum in Gemeinschaft mit all seinen vielen Freunden. Wenige Tage später kam dann ein persönlicher Brief von ihm, in dem er schreibt, daß er mit mir - und sicher mit vielen andern (dachte ich) - "zur Freude und zum Trost auch über den Tod hinaus verbunden bleiben möchte". Der Traum dieser Wirklichkeit ist in meinem Herzen und vernetzt mich mit allen Träumen dieser Welt.

Liebe Freunde, trotz der schwierigen Zeiten habe ich Euch viel Gutes mitzuteilen. Es hat damit zu tun, daß ich zusammen mit den Freunden der Theologie der Befreiung die Gegenwart des Reiches Gottes und seine geheimnisvolle Wirkkraft in den Träumen der Menschenherzen entdeckt habe. In diesem Jahr sind nämlich mehrere dieser unserer Träume Wirklichkeit geworden.

Zum 1. Mal hat die Regierung alle unsere Kurse zur Berufsausbildung von rund 800 jungen Leuten aus den Armenvierteln finanziert. Damit ist für sie eine Tür ins Leben und in die Gesellschaft geöffnet worden, während der Staat seine Verantwortung für sie übenommen hat. In meiner Rede, bei der letzten Schulentlassungsfeier habe ich die Jugendlichen, ihre Familienangehörigen und Freunde - es waren um die 1000 Anwesenden - eingeladen, daß sie es wagen, ihr Leben, ihre Zukunft, ihr Land zu träumen und daß sie versuchen, ihre Träume in die Wirklichkeit umzusetzen. Als ich anfügte , daß dies jedoch nicht billig zu haben sei, sondern Anstrengung, Verzicht und Opfer erforderte, wurde ich mit einem runden Beifall überrascht, sodaß ich beinahe steckenblieb. Da wurde mir plötzlich bewußt, wie wichtig es war, an die jungen Leute zu glauben und ihnen Ziele, Ideale, Horizonte, Abenteuer der Liebe zu zeigen, die sie selbst und unsere Welt weiterbringen werden. Wir haben es auch geschafft, daß unser Krankenpflegkurs - nach vielen Kämpfen und mit strengsten Auflagen - vom Gesundheitsministerium anerkannt worden ist. Ich glaube, das ist nach 25 Jahren in Chile bisher der einzige kostenlose Krankenpflegekurs. Alle Mühen haben sich für mich gelohnt, wenn ich jetzt unseren 18 offiziell anerkannten Krankenpflegeschülerimmen bei meinen Besuchen im staatlichen Krankenhaus San José auf den verschiedenen Stationen begegne und die Kranken mir erzählen, wie gut und liebevoll sie von diesen betreut werden. Auch die Krankenhausleitung hat indessen ihre Zufriedenheit ausgedrückt und uns zukünftige Arbeitsplätze angeboten. Dazu hat sie uns für´s kommende Jahr um ein paar "außerordentliche" Ausbildungsplätze für ihre "unteren Angestellten" gebeten, die das Krankenexamen nicht haben.

Einer meiner Träume seit vielen Jahren ist, daß die Menschen am Rande der Gesellschaft neben dem engagierten Einsatz der Politiker für ihre Not gleichzeitig die Unterstützung der besten menschlichen Kräfte und professionellen Kapazitäten erhalten, um die Elendssituation zu überwinden. (In Chile arbeiten nämlich in den öffentlichen Schulen oft nur Lehrer, die keine Anstellungen in den besser bezahlten Privatschulen gefunden haben. Ausgenommen sind die leitenden Stellen und natürlich gibt es immer Ausnahmen und vor allem Idealisten - Gott sei Dank!).

Über die Jahre hinweg haben sich bei unserem Dienst in der Fundación Cristo Vive eine beachtliche Zahl von großartigen, sowohl ehrenamtlichen wie angestellten Mitarbeiter verschiedener Berufe eingefunden, worüber ich sehr glücklich bin. Nun hat sich für uns alle im Oktober ein Traum erfüllt: Wir haben einen Vertrag der Zusammenarbeit mit der medizinischen Fakultät der Staatsuniversität unterzeichnet. Davon erwarten wir eine stärkere Hilfestellung bei unserer medizinischen Arbeit mit den 15 400 im Consultorio eingeschriebenen armen Leuten, Unterstützung bei der Fortbildung unserer Mitarbeiter, wie auch die Möglichkeit, Studenten, Professoren und Fachärzte für den Dienst an den Armen zu begeistern...

Seht Ihr, liebe Freunde, wie Gottes Reich wächst?

Der Traum von Jorge Fernández, für den er im vergangenen wie auch in diesem Jahr unermüdlich gearbeitet hat, ist Wirklichkeit geworden: Am 6.April konnten wir das Drogen-Reha-Zentrum TALITA KUM im Beisein unseres bischöflichen Vikars und der Frau des Präsidenten Chiles einweihen. Inzwischen sind 12 junge Leute in Behandlung, die den Weg der Befreiung lernen. Mindestens ebenso viele haben den Versuch einer Reha gemacht, aber noch nicht durchgehalten. Mit Hilfe von "Chiles Kinder Luxemburg" konnten wir das gemietete Gebäude kaufen und reparieren. Der Staat hat inzwischen für die nächsten 2 Jahre die Kostenfinanzierung übernommen. Beim Aufbau dieses Dienstes hatten wir zusammen mit Jorge oft das Gefühl einer unsichtbar helfenden Hand.

Unsere lieben Freunde: Wie Dora, eine einfache Frau aus dem Armenviertel, es schafft, eine Kindertagesstätte auf die Beine zu bekommen, ist für mich kein kleines Wunder. Als sie mich vor gut einem Jahr immer wieder hartnäckig um ein Gespräch bat, erinnerte ich mich kaum an sie, die vor 20 Jahren als junge Mutter in der Kindertagesstätte Campanita mitgearbeitet und an unserem Kindergärtnerinnenkurs teilgenommen hatte. Sie rief mir ins Gedächtnis, daß wir ihr bei der Entlassungsfeier ein Evangelium geschenkt hatten mit der Widmung, die Liebe, die man empfangen hat, weiterzugeben.

Bei unserem Treffen, zu dem sie mit anderen Frauen gekommmen war, berichtete sie mir, daß sie, als sie vom sozialen Wohnungsbau ihr Häuschen in der weit entlegenen Stadtgemeinde La Pintana erhalten hatte, gerne an diesen Auftrag dachte. Ihr Mann hatte Arbeit, die Kinder gingen zur Schule, während ihre alleinerziehenden Nachbarinnen zur Arbeit gehen mußten, nicht wußten wer auf ihre Kleinen aufpassen könnte. Damals bot sie sich spontan an auszuhelfen und nahm die Kinder zu sich in ihr Haus. Zwei Frauen aus der Siedlung fingen an, ihr beizustehen. Bald betreuten sie auf wenigen Quadratmetern 16 Kinder. Nach zwei Jahren und unter dem Druck weiterer Mütter in Not hatten sie von der Stadtgemeinde ein Grundstück mit einer kleinen Bauruine (70m2) zur Verfügung gestellt bekommen. Ihr Traum war, daraus eine "Tierra de Niños" eine "Erde der Kinder" - Tagesstätte zu machen. Und ihr Traum wurde Wirklichkeit! Die Stadtgemeinde gab einige Mittel, die Ruine zu reparieren und einen Zaun um das Gelände zu ziehen. Mich brachte sie dazu, mit INTEGRA (der staatlichen Behörde für Vorschulkinder) für den Unterhalt von 70 Kindern zu verhandeln. Das geschah zwischen Januar und März. In der Karwoche haben wir mit 70 Kleinen angefangen, die sich heute glücklich in ihrer "Tierra de niños" tummeln trotz der Überschwemmungen im Winter und brütender Hitze jetzt im Sommer. "Tia Dora" haben wir als Leiterin von "Tierra de Niños" ernannt, was sie gleich ausgenützt hat, um davon zu träumen, dort eine richtige Kindertagestätte für 120 Kinder zu bauen - hoffentlich schon im nächsten Jahr! Damit liegt sie jetzt dem Bürgermeister in den Ohren.

Seit Jahren betreuen wir im Gesundheitszentrum den von Geburt an schwer behinderten Sohn von José Santibañez , der selbst Diabetiker ist. Trotz aller präventiven Maßnahmen hat dieser sich eine Verletzung am Fuß zugezogen und nicht rechtzeitig um Hilfe gebeten, sodaß wir ihm mit einer schlimmen Infektion zum Spezialisten ins Krankenhaus schicken mußten. Nach wochenlanger erfolgloser Behandlung verordnete der Facharzt die Amputation bis kurz unter das Knie. José kam verzweifelt, humpelnd, mit dem Termin für den Operationsaal in der Hand, zu uns. Wie sollte er als Invalide weiter für seine Familie, die über keine Rücklagen verfügte, aufkommen können?! Für unsere Mitarbeiterinnen im Consultorio war das eine enorme Herausforderung. Sie beschlossen unter der Leitung der Ärztin Birgit Müller alles dranzusetzen, um das Bein und den Fuß zu retten. Das bedeutete teure Medikamente zu besorgen (Alginato de Calcio) und täglich unsägliche Mühen bei der Wundversorgung zu Hause auf sich zu nehemen. Nach bangen Wochen hatte die Ärztin mit den beiden Krankenschwestern Aurelia und Vicky Erfolg: Sie bekamen die Infektion in den Griff, das nekrotische Gewebe konnte langsam entfernt werden und die Wunde fing an zu heilen. Der Amputationstermin wurde abgesagt - so etwas war ihnen im Krankenhaus noch nie passiert. (Termine fallen normalerweise nur aus, weil der Patient verstorben ist). José pflegt heute sorgfältig seine Füsse, geht regelmässig zur Kontrolle und würde am liebsten tanzen und springen vor Freude, und wir mit ihm!

Immer habe ich davon geträumt, daß sich bei unserer Arbeit eine Kettenreaktion der Liebe produziert. Vor einigen Monaten hat sich Cristián Egaña, Abteilungsleiter der Großbank "Banco de Santiago" bei mir vorgestellt und mir Hilfe für unsere Leute in Form von Beratung für sozialen Wohnungsbau und Bausparen angeboten. Mehremals erwähnte er im Gespräch die Kindertagesstätte Naciente. Die Leitung war recht lang bis ich begriff, daß der junge elegante Mann, anfangs der 70er mehrere Jahre eines der Kinder unseres Nacientes gewesen war. Seine Eltern, damals politisch verfolgt, hatten später die Siedlung verlassen müssen, sodaß ich die Familie aus den Augen verlorem hatte. Nun hatte er das Bedürfnis etwas für andere zu tun. Seit einiger Zeit kommt er samstags vormittags zur Sprechstunde in unser Gemeindezentrum. Dort trifft er sich mit anderen Ehrenamtlichen, die verschiedene soziale und kulturelle Dienste leisten.

Unsere kirchliche Basisgemeinde wächst weiter, meine Sendung ist, die verantwortlichen Glieder und die verschiedenen Dienste geistlich zu begleiten und zu animieren. Sowohl bei den Krankenbesuchen, als auch bei der Sterbebegleitung und den vielen Beerdigungen (durschnittlich 2-3 wöchentlich), helfen mir mehrere ehrenamtliche Gemeindemitglieder.

Leider mag es unser Pfarrer - er kommt meist nur einmal im Monat zur Messe - gar nicht, daß unsere Gemeinde sich beim Sonntagsgottesdienst an den Händen nimmt und gemeinsam das Vater-unser singt. Die Leute indessen genießen diesen Augenblick, sodaß oft danach ein Moment köstlicher Stille herrscht. In diesem hörte man eines Sonntags plötzlich ein Kind auf dem Arm seiner Mutter in die Hände klatschen und kräftig "Bravoooo!" rufen. Die ganze Gemeinde brach in Lachen aus, während auf dem Gesicht unseres Pfarrers ein breites, strahlendes, etwas verlegenes Lächeln erschien.

Was unser Land betrifft, geht in Chile wieder - obwohl es fast niemand geglaubt hätte - die "Sonne der Gerechtigkeit" auf . Ob es ohne die internationale Hilfe der Menschenrechtsorganisationen passiert wäre, wissen wir nicht. Das geschehene Unrecht wird heute beim Namen genannt. Letzte Woche wurde der langjährigen Diktator von einem chilenischen Richter zu Hausarrest verurteilt. Im öffentlichen Fernsehen wurde das als ein geschichtliches Ereignis bezeichnet.

Andererseits wagen es einige wichtige Persönlichkeiten, von "larvierter Korruption" im Land zu sprechen. Die Regierung versucht, wichtige demokratische Schritte für das Volk zu unternehmen, vor allem auf dem Gebiet der Erziehung, Kultur, Rechtssprechung, Gesundheit und Arbeitsgesetzgebung.

Auf der Ebene der sozialen Gerechtigkeit sind wir jedoch weiterhin blockiert. Manchmal wissen wir auch nicht so genau, ob das neoliberale Wirtschaftssystem, repräsentiert durch die Kapitalträger, oder die demokratisch gewählte Regierung die Macht im Land hat. Aber diese Situation wird ja immer globaler und besorgniserregender sicher auch für Euch. Da heißt es, sich zusammen zu tun und Widerstand zu leisten!

Nun zu Bolivien: die Arbeit dort wächst weiter. Ich war während des Jahres mehrmals dort, um den Dienst ein wenig zu unterstützen. Im Mai hat uns die staatliche Behörde ein Grundstück von 12 000 m2 in Bella Vista übergeben, um einen Kindergarten und ein Handwerksausbildungszentrum auf dem Dorf aufbauen zu können. Schwester Nancy betreut seelsorgerlich die kirchliche Gemeinde. Dr. Annemarie Hofer widmet sich den Kranken auf den entlegensten Bergsiedlungen und baut ein Heim für 40 Quechuakinder, für die es in den Bergen keine Schulen gibt. Schwester Edith geht im Einsatz für "ihre" weit mehr als 1000 Gefangenen auf. Immer erfindet sie neue Möglichkeiten, für die Rechte und Würde dieser Schwestern und Brüdern zu kämpfen.

Der dortige Erzbischof Tito Solari hat uns einen ermutigenden Brief geschrieben und freut sich, daß auch im nächsten Februar wieder junge Chilenen auf dem Bergdorf leben und arbeiten werden, diesmal zusammen mit einigen unserer Zivis und Voluntären - eine neue Form von Mission.

Liebe Freunde, die Stiftung Humanum ermöglicht uns am 26. Mai nächsten Jahres ein Treffen in Köln (Maternushaus) mit all unseren Freunden, die uns über lang oder kurz in verschiedener Weise begleiten. Ich möchte Euch herzlich dazu einladen und würde mich freuen, uns wiederzusehen und miteinander über unser Leben und unseren Dienst in der Welt nachzudenken.

Oft werde ich gefragt, wer hinter den Werken der Fundación Cristo Vive in Chile und Bolivien steht. Früher hätte ich gesagt:"der Herrgott". Aber seit diesem Jahr habe ich entdeckt, daß das gar nicht der Name unseres Gottes ist, sondern daß dieser sich selbst "JWHW", d.h. "Ich-bin-da" genannt hat, als er Moses erschien.

Der "Ich-bin-da", "Ich-bin-mit-Euch" ist unser Gott. Es ist der Emanuel: "Gott-mit-uns", der sich in Jesus dem ohnmächtigen Kind von Bethlehem offenbart hat, der hinter unserem Werk steht und uns trägt.

Liebe Freunde, laßt Euch von Herzen grüßen und umarmen in dieser heiligen Zeit! An der Krippe des Gotteskindes begegnen wir uns wieder,
Eure
Unterschrift Karoline Mayer