Fundación Cristo Vive

Vorwort

Unsere lieben Freunde in Deutschland, Luxemburg, Österreich,

Frankreich, Holland und der Schweiz!

Angefangen hat alles mit dem unwiderstehlichen Drang des Herzens zum geistlichen Tun. Nach gut einem Jahr in meinem nicht selbst gewählten “Missionsland” Chile, hatte ich von der Armut und Unterentwicklung vieler Menschen der Landes gehört und auch die grossen sozialen Unterschiede kennen gelernt. Gleichzeitig aber spürte ich Ende der sechziger Jahre eine Aufbruchsstimmung, vor allem in der Kirche, im Mittelstand und bei den organisierten Arbeiten.

 

Schon in den dreissiger Jahren war die katholische Kirche, bis dahin als eine Art “Nationalkirche” über Jahrhunderte hinweg eng mit der Oberschicht verbunden - in Bewegung geraten: durch die Ernenung des Erzbischofs von Santiago José Maria Caro aus der unteren Volksschicht, durch die päpstlichen Sozialenzykliken, die Studentenbewegung Acción Católica sowie die mutigen und unermüdlichen Aufrufe des chilenischen Sozialapostels P. Alberto Hurtado. Die Sehnsucht nach justicia social, sozialer Gerechtigkeit, wuchs in weiten Kreisen der Gesellschaft.

Das 2. Vatikanische Konzil (1962/65) hatte viele Bischöfe, Priester und Ordensleute inspiriert, die Notsituation des “Volkes Gottes” zu sehen, was auf der 2. Lateinamerikanischen Bischofskonferenz in Medellin 1968 deutlich wurde. Damals fingen einige Schwestern, Priester und sogar Bischöfe bewusst an, in Randgebieten zu ziehen, um unter den Armen zu leben.

Ich hatte das Glück, dass mir der Steyler Orden Ende 1969 erlaubte, dem inneren Ruf zu den Armen zu folgen. Die Nachfolge Jesu erweckte in mir den Wunsch, im Armenviertel zu leben. Mit Unterstützung des Ordens bauten eine Mitschwester und ich eine Holzhütte, in der wir 1971 einzogen. In dieser Nachbarschaft sah ich mich mit unbeschreiblichem Elend konfrontiert, erlebte aber auch gleichzeitig die Menschwerdung Gottes unter den Armen. Man ist, glaube ich, nie genügend darauf vorbereitet, dem menschlichen Elend zu begegnen. Da bleibt nichts anderes übrig, als die eigene Hilflosigkeit anzunehmen und alle schöpferischen Kräfte der Liebe zu entwickeln, um durchzuhalten. Geholfen hat mir, dass ich gerade zu dieser Zeit unter den Armen die Christliche Basisgemeinde als eine Form von Kirche entdeckte, die von den Wurzeln her wächst und deren Kraft die Herzen und auch die gesellschaftlichen Strukturen erreichen kann.

Mein persönliches Projekt war es, das Leben der Armen zu teilen, ihnen durch mein Zeugnis die Frohe Botschaft von Gottes Liebe zu verkünden und mit ihnen zu arbeiten. Bald begegnete ich P. Luis Chiotti, Ignacio Rodriguez und Maruja Jofré, mit denen ich bis heute eng zusammenarbeite.

Als 1970 mit der  Volksküche und der Kindertagestätte die ersten Dienste entstanden, betrachtete ich diese als Aufgaben der Christlichen Basisgemeinden. Wenn wir Hilfe brauchten, gingen wir gemeinsam in die Reichenviertel und zur Caritas, um Lebensmittel, Geschirr, Baumaterialien und Medikamente zu erbetteln. Nie dachte ich an Geldspenden.

Zwei Schlüsselerfahrungen haben mich in der Zeit für immer geprägt:

Die erste machte ich, als ich mich mit meinem brennenden Herzen für die Armen anfangs sehr alleine fühlte. Da Begegnete ich “zufällig” Hildegarde Haberkorn, der Frau des Direktors der Thomas Morus Schule. Diese fing bald an, im Armenviertel mitzuarbeiten, und den Kontakt zu den deutschen Lehrern in Chile zu knüpfen. Mit vielen von ihnen sind wir bis heute eng verbunden, ihr persönlicher Einsatz für die Menschen hier ist unvergesslich. Sie haben beim Bau von Kindertagsstätten mitgearbeitet, gaben Handarbeitsunterricht und haben sogar unterernährte Kinder monatelang bei sich aufgenommen und aufgepäppelt. Nach ihrer Heimkehr hat ihr Engagement in Europa weite Kreise gezogen. 1976 entstand in Deutschland der Verein für unterernährte Kinder Casa Kappeln, 1979 wurde die Kontaktgruppe Comunidad de Jesú gegründet, in den darauf folgenden Jahren Chiles Kinder albl (Luxemburg), der Freundeskreis Hannover/Göttingen und der Schweizer Freundeskreis. Immer mehr Mitarbeiter sind mir „zugewachsen“.

 

Die zweite Erfahrung war folgende:

Einmal wurde ich von einer Familie mit sieben Kinder, die zur evangelischen Pfingstgemeinde gehört, verzweifelt um Hilfe gebeten. Ihre Holzhütte sollte versteigert werden, weil sie während der langen Krankheit des Familienvaters die letzten acht Raten zur Abzahlung dieser Unterkunft nicht bezahlt hatte. Sie erbaten von mir die 800 Escudos (ca. 200,- Euro), die sie schuldeten. Entsetzt über die Not dieser Familie ging ich mit dieser Bitte zur Prokuratorin meines Klosters. Diese war nicht so einfach bereit, das Geld zu leihen, da sie schon mancherlei schlechte Erfahrungen mit Bettlern gemacht hatte. Ich bestand aber auf die Bitte und begründete sie schliesslich damit, dass meine Mutter, eine treue Spenderin für den Orden, diesen Betrag sofort bereitstellen würde, wenn sie von dieser Notlage wüsste. Daraufhin erhielt ich das Geld und verliess glücklich die Prokur. Im gleichen Moment kam die Oberin aus dem Nebenzimmer und übergab mir einen Brief meiner Mutter. Ich war so elektrisiert, dass ich den Brief vor ihren Augen aufriss. In die Hand fielen mir vier Hundertmarkscheine, die ich gleich der Prokuratorin zurückgab.

Von diesem Augenblick an wusste ich, dass ich mir nie mehr um Geld Sorgen machen musste, sondern auf Gotttes wunderbare Fügungen vertrauen konnte. Meine Aufgabe war von da an, mich einfach einzusetzen, manchmal auch zu kämpfen, damit Gott heute seine Wunder durch die Herzen der Menschen tun kann.

Was mein Leben betrifft, bin ich in all diesen Jahren in Jesu Nachfolge, im Dienst der Frohen Botschaft tätig, was früher Missionsarbeit genannt wurde. Ich arbeite beim Aufbau und der Betreuung Christlicher Basisgemeinden unter den Armen mit und begleite die Gemeindemitglieder seelsorgerisch. Es geht dabei um die Durchführung der verschiedenen pastoralen Dienste wie Katechese für Kinder und Erwachsene, Vorbereitung auf die Sakramente, Feiern von Gottesdiensten und Beerdigungen, Jugendarbeit, Krankenbesuche, Begleitung des Pastoralrats der Gemeinde, Bau der Kirche und eines Gemeindehauses. Neben der kirchlichen Arbeit bin ich mit der Stiftung Cristo Vive beschäftigt, die für mich Landeplatz des Geistes Gottes im alltäglichen Leben ist durch die verschiedenen Dienste an den Menschen in Not. So erfahren diese, dass Gottes Reich – wenn auch nur anfänglich – schon unter ihnen ist. Deshalb ist es wichtig, dass Arm und Reich sich begegnen. Unser Haus und die kirchliche Gemeinde sind im Armenviertel ständige Begegnungsorte für viele Menschen, um sich kennen und lieben zu lernen. So werden Ängste und Vorurteile auf beiden Seiten abgebaut. Das Leben in Tuchfühlung unter den armen Leuten hat mich tief verändert. Das erste Mal in meinem Leben habe ich die Geschwisterlichkeit und Gleichheit der Kinder Gottes erlebt, als die Armen das Brot mit mir an ihrem Tisch teilten.

Dazu bin ich während der Jahre Zeugin von wunderbarem, fast unglaublichem Geschehen geworden, das so provozierend und tief ist, dass es mir manchmal schwer fällt, davon zu berichten. Zu unserer Freude leisten hochspezialisierte Ärzte und andere Fachkräfte stundenweise ehrenamtlichen Dienst in unserem Gesundheitszentrum, der für uns und unsere Kranken unbezahlbar wäre.

Aber neben ihnen gibt es auch eine Gruppe von Freiwilligen aus der Población, die ihre Talente und Fähigkeiten einsetzen, wie Besabé, deren Mann auf dem Bau arbeitet und die unauffällig und bescheiden seit fast 20 Jahren täglich zum Helfen kommt, oder Sonia, die früher Alkoholikerin war und heute die Arbeit unserer freiwilligen Augenärzte koordiniert, aber auch am Wochenende Krankenbesuche macht. Diese Freiwilligen wissen, dass sie in ihren hilfsbedürftigen Nachbarn Christus dienen.

Vor ungefähr sieben Jahren wurde ich zum Zahnarzt Dr. Fernando Muñoz, überwiesen. Er behandelte mich erfolgreich und gratis, wobei er mich wissen liess, dass er nicht viel von der Kirche halte, wohl aber an meiner Arbeit interessiert sei. Vor zweieinhalb Jahren beschloss er, zusammen mit seiner Frau Glenda, die auch Zahnärztin ist, Freitag vormittags unentgeltlich in unserem Gesundheitszentrum zu arbeiten. In der Zeit engagierte er unermüdlich weitere ehrenamtliche Kollegen und erklärte allen, dass er in den Armen Gott begegnet ist. Angesichts der grossen Zahnprobleme, die die meisten armen Leute haben, konnte er es in seiner eleganten Zahnarztpraxis in Providencia nicht mehr aushalten und installierte seinen eigenen Behandlungssessel im Holzhaus unserer ehemaligen Poliklinik, wo er seit März 2001 die ganze Woche arbeitet.

Jorge Fernandez, Geschäftsführer und Teilhaber einer grossen chilenischen Firma, bin ich 1989 begegnet. Nachdem seine Frau Nena, Sozialarbeiterin von Beruf, bald darauf mit uns im Armenviertel zu arbeiten begann, kam er öfter vorbei. Nach einer Zeit geistlicher Suche entschloss er sich mit 53 Jahren seinem Herzen zu folgen, seine Stellung niederzulegen – materiell war er reichlich gesegnet – um bei uns ganztags ehrenamtlich mitzuarbeiten. Seit Anfang 1991 stellt er all sein Wissen, Können und seine Erfahrung in den Dienst der Armen. Er selbst sagt, dass er damit das rundeste seiner Geschäfte gemacht hat: am Reich Gottes selbst mitzubauen.

Liebe Freunde, auf dieser Homepgae möchten wir unsere Dienste vorstellen, für die wir zur Zeit verantwortlich sind. Mehrere unserer früheren Kindertagesstätten, Polikliniken, Werkstätten etc. Konnten wir Kirchengemeinden oder andere Organisationen anschliessen oder sogar in die Unabhängigkeit entlassen, weshalb sie hier nicht aufgezählt werden.

Über mehr als 30 Jahre hinweg haben viele Hunderte Freunde vor Ort selbst mitgearbeitet. Wir haben grossherzige Spenden in unterschiedlichster Form erhalten. Bewusst betrachten wir alle Spenden als Besitz der Armen, den wir mit grösster Treue zusammen mit ihnen und für sie verwalten.

Unzählige private Spender, Unternehmen, Organisationen, Kirchengemeinden und Kindergärten haben uns beigestanden. Um nicht den Rahmen nicht zu sprengen, können wir sie jedoch an dieser Stelle nicht nennen.

Allen kleinen und grossen Spendern unseren herzlichen Dank!